Hindenburg - Zabrze (Oberschlesien)

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Karte des Oberschlesischen Industriegebietes, um 1930 (aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Die Stadt Zabrze wurde 1915 zu Ehren von Feldmarschall von Hindenburg umbenannt und verblieb nach der Volksabstimmung von 1921 bei Deutschland. Seit 1946 trägt die derzeit etwa 175.000 Einwohner zählende Industriestadt wieder den Namen Zabrze.

Im oberschlesischen Zabrze existierte seit dem 18.Jahrhundert eine jüdische Dorfgemeinde; allerdings siedelten sich Juden oft nur vorübergehend an, auch lebten zunächst nur wenige Familien im Dorf. Die jüdische Familie von Moses Glaser war 1825 die erste, die dauerhaft ihren Wohnsitz in Zabrze hatte. Auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt vergrößerte sich die Zahl der jüdischen Bewohner ab Mitte des 19.Jahrhunderts ganz erheblich. Bereits um 1840 wurde eine Gemeinde gegründet, die zunächst als Filialgemeinde der Synagogengemeinde Beuthen unterstand. Als die Zahl der Gemeindeangehörigen weiter anstieg, erteilte 1872 die preußische Regierung die Genehmigung zur Gründung einer autonomen Gemeinde. Neben den jüdischen Bewohnern von Alt- und Neu-Zabrze gehörten ihr auch die Juden von Biskupitz, Dorotheendorf, Mathesdorf, Mikultschütz, Poremba und Zaborze an.

Gottesdienste und Religionsunterricht fanden anfangs in angemieteten Räumen statt; um 1865 erwarb die jüdische Gemeinde ein Areal für den Bau einer Synagoge und einer Schule. 1869 eröffnete die einklassige jüdische Elementarschule. Drei Jahre später ließ die Gemeinde von Zabrze ihre etwa 300 Personen fassende Synagoge an der Kaniastraße, der späteren Schechestraße, errichten; zwei Zwiebeltürme krönten die Fassade. In den Innenraum führten drei Eingänge; über dem Hauptportal waren die Gebotstafeln angebracht. Die Einweihung der Synagoge erfolgte am 2.April 1873; neben dem Rabbiner Landsberg war auch der orthodoxe Rabbiner Dr. Ferdinand Rosenthal aus Beuthen anwesend, der seine Predigt in deutscher Sprache hielt.

Cover of the program, with an illustration of the synagogue

Deckblatt der Festschrift zur Synagogeneinweihung am 2.April 1873 (Abb. aus: lifeofthesynagogue.library.cofc.edu)

Da die Zahl der Gemeindemitglieder in der Folgezeit noch weiter deutlich zunahm, wurde die Synagoge 1898 umgebaut und vergrößert. Dabei gliederte man dem Bau auch ein Gemeindehaus an, in dem auch das Archiv untergebracht war; im Keller wurde 1902 eine Mikwe eröffnet.   

            

                  Synagoge in Hindenburg, Aufn. 1915 (Stadtarchiv)         –        Siegel der jüdischen Gemeinde

Anfänglich besaß die Gemeinde keinen eigenen Rabbiner; diese Funktion erfüllten zunächst die aus Beuthen oder Gleiwitz. 1895 wurde der erst 25jährige Dr. Saul Kaatz zum ersten Rabbiner von Zabrze gewählt; dieses Amt übte er bis August 1942 aus, als er mit anderen Gemeindeangehörigen nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde.

Verstorbene Juden von Zabrze begrub man zunächst auf den jüdischen Friedhöfen in Beuthen oder Gleiwitz. Zu Beginn der 1870er Jahre erhielt die Gemeinde vom Grafen Guido Henckel von Donnersmarck ein eigenes kleines Friedhofsgelände am Stadtrand – auf dem Gebiet der ehemaligen Schlossansiedlung - geschenkt, das ca. 25 Jahre später erweitert wurde.

Juden in Zabrze (Hindenburg):

    --- um 1825 ........................    12 Juden,

--- um 1840 ........................    24   “  ,

    --- 1861 ...........................   216   “  ,

             ....................... ca.   300   “  ,*     * mit Zaborze und Biskupitz

    --- 1895 ....................... ca.   800   “  ,

    --- 1901 ....................... ca. 1.200   “  ,

    --- um 1928 ........................ 1.140   “  ,

    --- 1931 ........................... 1.200   “  ,

    --- 1937 ....................... ca. 1.200   “  ,**    ** gesamte Synagogengemeinde

    --- 1939 (Mai) .....................   554   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ....................   wenige,

    --- 1946 ....................... ca.   800   "  .

Angaben aus: Bernhard Brilling, Chronik der jüdischen Gemeinde Hindenburg

In den 1920er Jahre hatte sich die jüdische Gemeinde von Hindenburg zu einer der größten Oberschlesiens entwickelt. Die deutsch-oberschlesischen Juden blieben bis Mitte 1935 von der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik verschont, da diese Region unter dem Schutz des Völkerbundes stand. Doch bereits wenige Tage nach Aufhebung des Minoritätenschutzes (Ende Juli 1935) kam es auch hier - wie in anderen oberschlesischen Städten - zu antijüdischen Ausschreitungen. Unter dem zunehmenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck bereiteten viele Juden ihre Emigration vor.

Während des Novemberpogroms wurde die hiesige Synagoge durch Brandstiftung zerstört, Geschäfte und Privatwohnungen wurden durch zahlreiche SS-Trupps demoliert und ca. 350 jüdische Männer festgenommen und in der jüdischen Schule festgehalten; tags darauf wurden sie ins mehr als 600 Kilometer entfernte KZ Buchenwald verschleppt. Als das Synagogengebäude in Flammen stand, wurden die vor der Brandstelle versammelten Zuschauer abgedrängt; Passanten, die Kritik an den Vorgängen übten, ließ Kreisleiter Jonas umgehend verhaften. Der Hindenburger Rabbiner Dr. Kaatz musste dem „jüdischen Feuerwerk“ beiwohnen; dabei wurde er von SS-Angehörigen schwer gedemütigt. Die Ruinenreste wurden anschließend gesprengt und mussten von jüdischen Jugendlichen „sortiert“ werden. Für die Kosten des Abrisses hatte die jüdische Gemeinde selbst aufzukommen. Diese Ausschreitungen beschleunigten noch die Ab- und Auswanderung der jüdischen Einwohner. Bei Kriegsbeginn lebten noch etwa 500 jüdische Einwohner in Hindenburg. Im Laufe des Jahres 1942 wurde der Rest der jüdischen Gemeinde ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert; nur die „in Mischehe“ lebenden Juden verschonte man zunächst. Von den Deportierten überlebten nur sehr wenige das Kriegsende.

In Hindenburg (Zabrze) gab es zwei Außenlager des KZ Auschwitz: seit August 1944 ein Frauen- und seit Oktober 1944 ein Männerlager. Die Häftlinge wurden bei Industriearbeiten (Hütte Donnersmarck) in der Gießerei III (Munitionsproduktion) und Gießerei IV (Montage von Wagen zum Transport von Bomben) eingesetzt. Die Evakuierung des Lagers erfolgte Mitte Januar 1945. Die weiblichen Häftlinge wurden per Fußmarsch nach Gleiwitz bzw. Groß-Rosen getrieben.

Das ehemalige jüdische Gemeindehaus ist baulich erhalten geblieben; gegenwärtig ist hier ein Altersheim untergebracht. Am Standort der niedergebrannten Synagoge wurde 1998 ein Denkmal errichtet: auf einer granitenen Steinplatte erinnert eine hebräische und polnische Inschrift an das einst hier stehende Gotteshaus.

Aufn. N., 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

In deutscher Übersetzung lautet der Text:

Zum Andenken der jüdischen Gemeinde in Zabrze (Hindenburg),

die durch die deutschen Nazis in der Zeit des Holocaust vernichtet wurde.

Hier stand die 1872 gebaute Synagoge,

die während der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 verbrannt wurde.

Auf dem großflächigen jüdischen Friedhofsareal befinden sich heute noch ca. 300 Grabsteine. Auf dem Gelände ist auch ein Massengrab von Häftlingen des hiesigen Nebenlagers des KZ Auschwitz-Birkenau.

 Eingang zum Friedhof (Aufn. P., 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Cmentarz żydowski w Zabrzu15.jpg Cmentarz żydowski w Zabrzu18.jpg

Relikte monumentaler Grabanlagen (Aufn. P., 2007, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

Bernhard Brilling, Chronik der jüdischen Gemeinde Hindenburg, in: Hermann Schröder (Hrg.), Hindenburg O-S, Stadt der Gruben und Hütten, Essen 1979, S. 318 - 324

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 367/368 und Teil 2, Abb. 285

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 514

The Jewish Community of Zabrze (known as Hindenburg between 1915 und 1945), in: Beit Hatfutsot – The Museum oft the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/zabrze

Deutschland-Berichte der SPD: Der Terror gegen Juden, in: www.trend.partisan.net

Die Hindenburger Synagoge, in: ‘Hindenburger Heimatbrief’, Ausgabe Sept. 2002

Step21 (Hrg.), Weisse Flecken, 3. Ausgabe (Juni 2009), S. 7

Zabrze, in: sztetl.org.pl